Morgensonne

Er torkelte die Strasse der Grossstadt entlang. Rechts Häuser, Wolkenkratzer und Leuchtreklamen von der Eckkneipe bis zur Spielhölle. Zu seiner linken die Hauptstrasse, breit gebaut, manchmal parkende Autos zwischen ihm und diesem Niemandsland.
Seine Sinne waren zum Bersten angespannt, jeden Moment erwartete er das Unglück; doch welches es sein könnte, konnte er nicht einmal im Ansatz erahnen. Bei diesem Gedanken wurde ihm schlecht.
Sein Magen schlug einen Purzelbaum nach dem andern.
Das Gedächtnis meldete sich zu Wort. Er hatte sich wieder einmal vollkommen daneben benommen, hatte wildfremde Leute provoziert, die Kellnerin, die er weder hübsch noch freundlich kennenlernte angebaggert, als ob sie die letzte Frau dieser Welt gewesen wäre.
Auf einmal wurde ihm schlecht. Übelkeit aus seinem eigenen Fehlverhalten herrührend. Da sah er ein Licht. ARAL! Ja, hier würden sie ihm noch einen Six-Pack Bier und eine Flasche Schnaps verkaufen, wenn er nur seine EC-Karte in der Hosentasche finden würde. Und – mit Sicherheit! – das würde er!
Einige Ewigkeit, die seine Armbanduhr 34 Minuten schimpfte, später stand er wieder da und hörte das Hupen der Nachtfahrer. In der Tüte, die seine linke Hand krampfhaft festhielt, entdeckte er 6 Flaschen Oettinger Pilsener, zwei Päckchen Zigaretten der Marke Lucky Strike sowie eine Flasche Jack Daniel’s Red Label und eine Flasche Jim Beam Bourbon. Die Zigarette in seinem Mund störte ihn gewaltig als er den Bacardi Rigo endgültig leeren wollte. „Rigo?“ dachte er und lallte es in diese abgefuckte Welt hinaus. „Wer kommt auf die beschissene Idee, so ein widerliches Gesöff zu saufen?“
Er warf die Flasche mit aller Macht von sich. Etwa 2 Meter weit, wobei er in die Grünfläche fiel. Seine Zigarette war ihm aus dem Mund gefallen. Egal.
Er fingerte unbewusst eine frische aus dem dritten Päckchen, das er ebenso abwesend in seiner Brusttasche fand und steckte sie mühsam an.
Nachdem er trotzig eines der Biere geöffnet hatte, richtete er sich schwankend auf und versuchte weiterzugehen. Eine unnütze Kraftanstrengung. Sofort wieder fallend, konnte er sich an eine nahestende Alleeweide klammern und mit ihrer Hilfe eine bedenklich wacklige aufrechte Position halten.
So verharrte er bis zwei weitere Flaschen Pilsener und ein Teil des Jackie’s in seiner Kehle verschwunden waren, immer lauthals grölend „I hurt myself today – to see if I still feel…“, in erschauernd schrägen Tönen, während sein Körper in eine halb sitzende, halb liegende Position herabsank.
Kurz nachdem die Glocke eines weit entfernten Kirchturmes Viertel vor Fünf geschlagen hatte, sprach ihn eine klirrend helle, unerträglich hohe Stimme an. Das Gesicht konnte er nicht sehen, da er die Lider schon lange geschlossen hielt: „Hey, bist du ok?“
„Mir gehts gut, ich lebe“ lallte er. Und nach einer kurzen Pause, in der er rülpste und die Augen öffnete soweit das sein Zustand zuliess: „Meine Grossmutter liegt im Sterben, mein Grossvater ist auf dem Weg dahin, ich habe kein Geld, keine Arbeit und keine Ausbildung.“ Bei diesen Worten wurde seine Stimme klar und fest.
Er erhob sich unter Mühen, aber doch gänzlich ohne Hilfe. „Jetzt“, und er betonte das Wort mit rasierklingenähnlicher Schärfe, „geht es mir gut. Aber ich weiss, was morgen sein wird!“
Die Frau sah ihm tief in die Augen. Ein fester, ehrlicher und mitleidiger Blick zugleich. Sie könnte vom Alter seine Mutter sein, doch ihre Gesichtszüge wirkten neben aller jugendlichen Frische reif und neben aller Heiterkeit, die sie sonst sicher verstrahlen könnte, ernst. Sie trat einen Schritt näher heran, ohne den Blickkontakt zu
verlieren.
Er zuckte zurück. „Nein! Du bist attraktiv, ja. Aber ich will alleine sein, einfach allein sein. Alle die, mir etwas bedeuteten sind fort, tot, verändert!“ Bei den letzten Worten brach er in ein elendiges Schluchzen aus, das sich in todtrauriges Weinen steigerte.
„Du hast zuviel erlebt“, sprach sie ihn an mit sanfter, engelsgleicher Stimme, während sie ihm tröstend über den Kopf strich.
„Dein Schmerz verzehrt dich – und verzerrt was du zu denken versuchst!“ Sie stoppte für einige Augenblicke und bemerkte, dass er sich ein wenig beruhigte und ihr zuhörte. „Ich will nicht deine Liebe fordern. Ich versuche, sie zu erwecken aus ihrem Schlaf. Ich kann nicht deine Grosseltern lebendig machen. Ich versuche, dir
den Verlust zu erleichtern. Ich will nicht Ersatz sein für all das, was du bedeutungsvoll nanntest und verloren hast. Ich versuche, dir begreiflich zu machen, dass es auch anderes gibt und dass das vielleicht noch viel mehr Bedeutung für dich in sich trägt.“
Die Tränen trockneten schon in seinem Gesicht.
„Es wird Tag für die Welt“, sagte sie, auf den Sonnenaufgang blickend, „und heute wird es auch ein lichter Tag für dich!“
Er rieb sich die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand er in der Morgensonne, seinen Whiskey in der rechten Hand, die gefüllte Tüte in der linken.
Einige sehr lange Minuten stand er so da, immer noch nahe dem Baum.
Dann warf er mit einem Lächeln auf seinem Antlitz die Flasche und die Tüte schwungvoll von sich.

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